Was ist, wenn Coachees nicht kommen zum vereinbarten Termin?
Was ist, wenn Coachees nicht kommen zum vereinbarten Termin?
Ich erinnere mich gut an die erste Zeit meiner Coaching-Praxis. Die Aufregung vor jedem neuen Termin, die Freude auf den Austausch, die Neugier auf die Geschichten meiner Klientinnen. Und dann – das plötzliche Schweigen, wenn jemand einfach nicht erscheint. Keine Absage, kein Hinweis, nur das Ausbleiben. Das hat mich damals aus der Bahn geworfen. Ich fühlte mich irritiert, manchmal auch verletzt oder sogar ein bisschen wütend. Warum passiert das? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht wichtig genug?
Diese Fragen sind keine Seltenheit, wenn wir als Coaches mit dem Thema Ausfälle konfrontiert werden. Und doch ist es genau hier, an dieser Stelle, wo systemisches Denken uns eine andere Perspektive eröffnen kann. Denn das Ausbleiben einer Klientin ist nie nur ein individuelles Versäumnis. Es ist ein Ereignis, das in einem komplexen Geflecht von Bedeutungen, Erwartungen und Kommunikationsmustern eingebettet ist.
Wie fühle ich mich wirklich, wenn jemand nicht zum Termin kommt?
Der erste Schritt, den ich dir ans Herz legen möchte, ist die Selbstbeobachtung. Wie reagierst du innerlich, wenn eine Klientin nicht erscheint? Spürst du Ärger? Enttäuschung? Vielleicht auch Erleichterung, weil dir die Zeit für andere Dinge bleibt? Oder ist es dir eher gleichgültig? Die Reflexion dieser Gefühle ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Denn nur wenn du deine eigene Haltung erkennst, kannst du klar und souverän handeln.
Oft vermischen sich Beobachtung und Bewertung in unserem Kopf. „Sie kommt nicht“ ist eine neutrale Beobachtung. „Sie kommt nicht, weil sie mich nicht respektiert“ ist eine Bewertung, die wir leicht treffen. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um nicht in eine gedankliche Falle zu tappen. Frage dich: Was weiß ich wirklich? Was interpretiere ich nur? Wie könnte ich die Situation auch anders sehen?
Wann und wie trete ich in Kontakt nach dem Ausbleiben?
Aus meiner Erfahrung heraus ist das Timing der Kontaktaufnahme ein wichtiger Faktor. Ich warte bei Online-Terminen etwa fünf bis sieben Minuten, dann schreibe ich eine kurze, freundliche E-Mail. Nach zehn bis zwölf Minuten, wenn ich eine Telefonnummer habe, rufe ich an, um technische Probleme auszuschließen. Dabei gehe ich immer vom Guten im Menschen aus: Vielleicht hat sie verschlafen, einen Notfall oder einfach vergessen.
Wenn du Kontakt bekommst, ist es hilfreich, gemeinsam zu klären: Macht es noch Sinn, den Termin durchzuführen? Oder verlegen wir ihn? Diese Klarheit hilft beiden Seiten, Missverständnisse zu vermeiden und zeigt Wertschätzung für die Zeit.
Gleichzeitig ist es wichtig, klare Regeln zu kommunizieren. Ich erwarte eine Absage mindestens 48 Stunden vorher. Bei späterer Absage berechne ich einen Anteil meines Honorars. Das schreibe ich nicht nur, ich lasse mir die Bedingungen bestätigen. Diese Klarheit schützt dich und macht deine Arbeit wertschätzbar.
Wie gehe ich mit inneren Widersprüchen und der Balance zwischen Mitgefühl und Klarheit um?
Als systemische Coachin kenne ich die Spannung zwischen Empathie und professioneller Grenze nur zu gut. Einerseits möchte ich verstehen, was hinter dem Ausbleiben steckt – vielleicht eine Krise, Überforderung oder Unsicherheit. Andererseits darf ich nicht die Verantwortung für das Verhalten der Klientin übernehmen. Das ist ein schmaler Grat.
Hier hilft es, die Rolle und die Person zu unterscheiden: Die Klientin als Person verdient Mitgefühl, aber als Vertragspartnerin ist sie an Vereinbarungen gebunden. Diese Unterscheidung ermöglicht es, Mitgefühl zu zeigen, ohne die eigene Zeit und Energie zu verschenken.
Reflexionsfrage: Wo verlierst du dich in der Rolle als Helfer*in, und wo schützt du deine professionelle Haltung?
Was sagt das Ausbleiben über die Beziehung und die Struktur des Coaching-Prozesses aus?
Wenn Klientinnen wiederholt Termine nicht wahrnehmen oder absagen, lohnt sich ein Blick auf die Beziehungsebene und die Struktur des Coaching-Prozesses. Welche Erwartungen sind offen oder unausgesprochen? Wie klar sind Vereinbarungen? Wie fühlt sich die Klientin im Coaching-Rahmen?
Manchmal ist das Ausbleiben ein Signal, das etwas nicht stimmt: Vielleicht passt das Format nicht, die Themen sind zu belastend oder die Klientin ist noch nicht bereit. Hier ist ein Perspektivwechsel hilfreich: Nicht jede Abwesenheit ist ein Misserfolg, sondern eine Information über den Prozess.
Reflexionsfrage: Was könnte die Abwesenheit deiner Klientin dir über eure gemeinsame Arbeit sagen?
Wie kann ich als Coach mit der Unvorhersehbarkeit von Ausfällen umgehen?
Systemische Haltung bedeutet auch, Unsicherheit auszuhalten und nicht alles kontrollieren zu können. Ausfälle sind Teil der Realität, besonders in der Selbstständigkeit. Sie enthalten keine Bewertung über deine Qualität als Coach.
Ich habe gelernt, dass es hilfreich ist, Ausfälle nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil des sozialen Systems zu sehen, in dem wir agieren. Gleichzeitig ist es legitim, klare Rahmenbedingungen zu setzen, die deine Arbeit schützen.
Reflexionsfrage: Wie kannst du deine Haltung so gestalten, dass du flexibel bleibst und dennoch deine Grenzen wahrt?
Konkrete nächste Schritte
1. Reflektiere deine Gefühle beim Ausbleiben von Klientinnen: Schreibe auf, was du beobachtest und was du bewertest.
2. Formuliere klare Vereinbarungen zu Absagen und Honoraren – schriftlich und im Gespräch.
3. Entwickle einen Ablaufplan für den Umgang mit Ausfällen: Wann kontaktierst du wie deine Klientin?
4. Prüfe regelmäßig, ob die Beziehung und die Struktur des Coaching-Prozesses für dich und deine Klientin stimmig sind.
5. Übe dich darin, Ausfälle als Teil eines komplexen Systems zu sehen, nicht als persönliche Ablehnung.
6. Reflektiere deine Balance zwischen Mitgefühl und professioneller Klarheit immer wieder neu.
Du suchst systemische Begleitung für Deinen Start als Coach?
In einem 15-minütigen kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo Du gerade stehst, was für Dich im Moment sinnvoll ist und ob eine Zusammenarbeit für uns beide passt.
Herzliche Grüße,
Vera
Nächster Schritt
Ich bin Vera, systemische Lehrcoach iA und systemische Coach und helfe systemischen Coaches beim Businessaufbau in den ersten Monaten und darüber hinaus. Wenn du Unterstützung suchst, lade ich dich herzlich ein, ein kostenloses Erstgespräch mit mir zu buchen. Gemeinsam schauen wir, wie ich dich am besten begleiten kann.
Warum kommen Coachees manchmal nicht zum vereinbarten Termin?
Das Ausbleiben kann viele Gründe haben, z.B. persönliche Krisen, Überforderung, Unsicherheit oder einfach Vergessen. Es ist selten nur ein individuelles Versäumnis. Manchmal ist es auch die Angst vor der anstehenden Veränderung, mit der das Coaching verbunden wird.
Wie sollte ich mich als Coach fühlen, wenn ein Coachee nicht erscheint?
Es ist wichtig, die eigenen Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Erleichterung zu reflektieren, um klar und souverän reagieren zu können. Lieber ein paar Stunden drüber nachdenken, als im Affekt zu reagieren.
Wann und wie sollte ich nach einem Ausbleiben Kontakt aufnehmen?
Nach etwa fünf bis sieben Minuten eine freundliche E-Mail senden, nach zehn bis zwölf Minuten bei vorhandener Telefonnummer anrufen, um technische Probleme auszuschließen oder Verkehrshindernisse zu erfragen.
Wie kann ich Mitgefühl und professionelle Klarheit in Balance halten?
Indem du die Person der Klientin mit Mitgefühl behandelst, aber als Vertragspartnerin klare Vereinbarungen einforderst und deine Zeit schützt.
Was sagt das Ausbleiben über die Coaching-Beziehung aus?
Es kann ein Signal sein, dass Erwartungen, Vereinbarungen oder das Format nicht passen und bietet eine wichtige Information für den Coaching-Prozess.
Wie gehe ich mit der Unvorhersehbarkeit von Ausfällen um?
Indem du Ausfälle nicht persönlich nimmst, sie als Teil des sozialen Systems siehst und klare Rahmenbedingungen setzt, die deine Arbeit schützen.