Muss ich als systemische Coach auch Teambuildings machen oder soll ich lieber nur Einzelkundencoaching machen?
Muss ich als systemische Coach auch Teambuildings machen oder soll ich lieber nur Einzelkundencoaching machen
Wenn ich diese Frage höre, spüre ich sofort die Spannung, die dahintersteckt: das Gefühl, etwas „müssen“ zu sollen, obwohl die innere Haltung vielleicht ganz anders aussieht. „Muss ich?“ – das klingt nach einer Erwartung von außen, nach einem Soll, das vielleicht gar nicht zu deinem momentanen Selbstbild oder deiner Komfortzone passt. Als systemische Coachin habe ich gelernt, genau hinzuschauen: Was ist hier wirklich die Frage? Geht es um eine äußere Anforderung, um ein inneres Bedürfnis oder um die Angst, etwas zu verpassen?
Für mich ist der erste Schritt, diese Unterscheidung zu machen: Beobachte, was du selbst wahrnimmst, ohne es sofort zu bewerten. Du bist in einem Feld von Möglichkeiten, nicht in einem Gefängnis von Vorgaben. Du musst gar nichts. Du darfst wählen. Und diese Wahl ist ein aktiver Prozess, der oft mit Unsicherheit verbunden ist, gerade wenn du am Anfang deiner Coaching-Praxis stehst.
Warum fühlt sich Einzelcoaching oft sicherer an als Gruppensettings?
Ich erinnere mich an meine eigenen Anfänge. Einzelcoaching fühlte sich für mich wie ein vertrauter Raum an, in dem ich mich auf eine Person konzentrieren konnte. Da war weniger „Rauschen“, weniger dynamische Komplexität. Es gab eine klare Struktur: ein Gegenüber, ein Thema, ein Gespräch. Das war überschaubar und ich konnte mich auf meine Haltung und mein Zuhören fokussieren.
Im Gegensatz dazu bringt ein Gruppensetting eine ganz andere Qualität mit sich: Mehr Stimmen, mehr Perspektiven, mehr Dynamiken. Du bist nicht mehr nur mit einer Person im Austausch, sondern mit einem System, das sich ständig verändert. Das bedeutet, du musst mehrere Beobachtungsebenen gleichzeitig halten – die einzelnen Personen, die Beziehungen untereinander, die Gruppendynamik, die unausgesprochenen Muster. Das fordert nicht nur deine Wahrnehmung, sondern auch deine innere Stabilität.
Vielleicht spürst du gerade, dass dir dieser Raum noch zu groß ist. Das ist völlig in Ordnung. Sich in der Vielfalt der Gruppenprozesse sicher zu fühlen, braucht Zeit und Erfahrung. Es ist ein Lernprozess, der nicht übersprungen werden kann.
Wie kann ein schrittweiser Zugang zu Gruppenarbeit aussehen?
Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich, sich nicht zu überfordern und den Weg in die Gruppenarbeit als eine Entwicklung zu sehen, die du selbst gestalten kannst. Ein möglicher Zwischenschritt sind Zweier-Settings, also Coaching oder Moderation mit zwei Personen. Das kann zum Beispiel eine Führungskraft und eine Mitarbeiterin sein oder ein Paar, das einen Konflikt klären möchte. Hier bist du schon in einer Mehrpersonen-Konstellation, aber die Komplexität ist noch überschaubar.
Diese Zwischenschritte erlauben dir, deine Wahrnehmung zu schärfen, deine Haltung zu festigen und erste Erfahrungen mit der Dynamik zwischen mehreren Menschen zu sammeln. Du kannst beobachten, wie sich die Interaktionen verändern, wenn mehr als eine Stimme im Raum ist, ohne dich dabei überwältigt zu fühlen.
Wenn du dich in diesen Settings sicherer fühlst, kannst du dich langsam an größere Gruppen herantasten – etwa in Gruppencoachings, Workshops oder Gruppensupervisionen. Wichtig ist, dass du dein Tempo selbst bestimmst und dich nicht von äußeren Erwartungen treiben lässt.
Welche inneren Spannungen und Widersprüche tauchen auf, wenn du dich zwischen Einzel- und Gruppencoaching entscheiden musst?
Vielleicht kennst du dieses innere Hin- und Her: Einerseits spürst du den Wunsch, dich weiterzuentwickeln, neue Formate auszuprobieren und dein Angebot zu erweitern. Andererseits gibt es die Angst vor Überforderung, vor Kontrollverlust oder davor, nicht „gut genug“ zu sein in der Gruppenarbeit. Diese Spannung ist normal und gehört zum Entwicklungsprozess dazu.
Hier kann es hilfreich sein, genau hinzuschauen: Was sind deine Beobachtungen? Was sind Bewertungen, die du über dich selbst aussprichst? Wo spürst du Unsicherheit, wo Neugier? Welche inneren Stimmen melden sich? Und wie kannst du diese Stimmen als Teil deines Systems verstehen, statt sie als absolute Wahrheit zu nehmen?
Ein weiterer Widerspruch entsteht oft zwischen der Rolle als Coachin und der Person dahinter. Die Rolle fordert von dir, präsent, souverän und kompetent zu sein. Die Person dahinter hat aber ihre eigenen Unsicherheiten, Erfahrungen und Bedürfnisse. Diese Unterscheidung bewusst zu machen, hilft, mit den eigenen Grenzen und Lernfeldern konstruktiv umzugehen.
Wie kannst du deine Haltung so gestalten, dass du dich in deinem Coaching-Angebot wohlfühlst und authentisch bleibst?
Für mich ist die Haltung der Schlüssel. Als systemische Coachin arbeite ich aus einer konstruktivistischen Perspektive: Es gibt nicht „die eine richtige Methode“ oder „den einen richtigen Weg“. Es gibt Beobachtungen, Perspektiven, Interpretationen – und daraus erwächst Handlungsspielraum.
Du kannst dich fragen: Was fühlt sich für mich stimmig an? Wo möchte ich wachsen? Wo möchte ich Grenzen setzen? Und wie kann ich diese Fragen immer wieder in den Blick nehmen, ohne mich von äußeren Erwartungen oder vermeintlichen „Muss“-Regeln leiten zu lassen?
Diese Haltung braucht Selbstreflexion und Mut. Mut, sich nicht zu verbiegen, Mut, auch mal „Nein“ zu sagen. Mut, das eigene Tempo zu gehen. Und Mut, sich als lernende Person zu zeigen, nicht als perfekt funktionierendes Werkzeug.
Wie kannst du als Coachin konkret mit der Frage umgehen, ob du Einzel- oder Gruppencoachings anbieten möchtest?
Stell dir vor, du betrachtest dein Angebot als ein lebendiges System, das sich entwickelt. Du kannst immer wieder beobachten, wie sich deine Wünsche, deine Kompetenzen und deine Erfahrungen verändern. Du kannst ausprobieren, reflektieren, anpassen.
Vielleicht beginnst du mit Einzelcoaching, weil dir das Sicherheit gibt. Du kannst dich fragen: Was brauche ich, um mich in Gruppensettings wohler zu fühlen? Welche Unterstützung oder Weiterbildung könnte mir helfen? Welche kleinen Schritte kann ich gehen, um meine Komfortzone zu erweitern?
Oder du hast schon erste Gruppenerfahrungen gemacht und möchtest dich weiter darin vertiefen. Dann kannst du beobachten, was dir gut tut und wo du noch Grenzen spürst. Vielleicht entdeckst du, dass du bestimmte Gruppenformate lieber magst als andere – etwa Workshops statt klassische Teambuildings.
Diese Beobachtungen sind wertvoll, weil sie dir helfen, dein Angebot klarer zu gestalten und dich als Coachin zu positionieren, die mit sich selbst im Einklang ist.
Reflexionsfragen für dich
- Wie erlebst du die Spannung zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Impuls, dich weiterzuentwickeln?
- Welche inneren Stimmen melden sich, wenn du an Gruppenarbeit denkst? Was sagen sie wirklich?
- Wie unterscheidest du in dir zwischen Beobachtung und Bewertung deiner Fähigkeiten?
- Welche kleinen Schritte könntest du gehen, um dich behutsam an Gruppensettings heranzutasten?
- Wie kannst du deine Rolle als Coachin und deine Person als lernender Mensch in Einklang bringen?
Konkrete nächste Schritte
- Nimm dir Zeit für eine ehrliche Selbstbeobachtung: Schreibe auf, was dich am Einzelcoaching reizt und was dir an Gruppenarbeit Angst macht oder Unsicherheit bereitet.
- Suche dir ein Zweier-Setting (z. B. Konfliktmoderation zu zweit), um erste Erfahrungen mit Mehrpersonen-Konstellationen zu sammeln, ohne dich zu überfordern.
- Reflektiere nach jeder Erfahrung, was gut lief, was herausfordernd war und welche Ressourcen dir geholfen haben.
- Informiere dich über Fortbildungen oder Supervisionen, die dich in der Gruppenarbeit unterstützen können, z.B. am Institut für Fort- und Weiterbildung der evangelischen Hochschule Ludwigsburg.
- Setze dir konkrete, kleine Ziele, die deinen individuellen Rhythmus berücksichtigen – etwa ein Gruppencoaching pro Quartal als Experiment.
- Analysiere Deine Zielgruppe: (Lies‘ hier, wie das geht), damit Du einen Eindruck bekommst, ob Gruppencoaching überhaupt notwendig ist.
Du suchst systemische Begleitung für Deinen Start als Coach?
In einem 15-minütigen kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo Du gerade stehst, was für Dich im Moment sinnvoll ist und ob eine Zusammenarbeit für uns beide passt.
Herzliche Grüße,
Vera
Nächster Schritt
Ich bin Vera, systemische Lehrcoach iA und systemische Coach und helfe systemischen Coaches beim Businessaufbau in den ersten Monaten und darüber hinaus. Wenn Du Unterstützung möchtest, lade ich Dich herzlich zu einem kostenlosen 15-minütigen Erstgespräch ein. Gemeinsam schauen wir, wo Du gerade stehst und was für Dich im Moment sinnvoll ist.
Weitere Fragen zum Thema
Muss ich als systemische Coach Teambuildings anbieten?
Nein, du musst nichts. Du hast die Wahl, ob du Teambuildings oder andere Gruppenformate anbieten möchtest. Es ist ein aktiver Prozess, der zu deiner Haltung und deinem Angebot passen sollte.
Warum fühlt sich Einzelcoaching oft sicherer an?
Weil es eine klare Struktur mit einem Gegenüber und einem Thema gibt, weniger Dynamik und Komplexität, was den Fokus auf Haltung und Zuhören erleichtert.
Wie kann ich mich schrittweise an Gruppenarbeit herantasten?
Beginne mit Zweier-Settings, um erste Erfahrungen mit Mehrpersonen-Konstellationen zu sammeln, und steigere dich dann langsam zu größeren Gruppen, je nach deinem Tempo und Wohlbefinden.
Welche inneren Spannungen können bei der Entscheidung zwischen Einzel- und Gruppencoaching auftreten?
Wünsche nach Weiterentwicklung und Angst vor Überforderung oder Kontrollverlust können sich widersprechen. Es ist wichtig, diese Spannungen zu beobachten und als Teil des Entwicklungsprozesses zu verstehen.
Wie kann ich meine Haltung als Coachin authentisch gestalten?
Indem du dich selbst reflektierst, deine Grenzen und Wachstumswünsche wahrnimmst und dich nicht von äußeren Erwartungen leiten lässt. Mut und Selbstreflexion sind dabei entscheidend.
Wie gehe ich konkret mit der Frage um, ob ich Einzel- oder Gruppencoachings anbieten möchte?
Betrachte dein Angebot als lebendiges System, beobachte deine Wünsche und Kompetenzen, probiere aus und passe dein Angebot entsprechend an deinem individuellen Tempo an.