Worauf muss ich achten, wenn ich anfange zu coachen, was mein Umfeld und meine Freund:innen angeht?
Worauf muss ich achten, wenn ich anfange zu coachen, was mein Umfeld und meine Freund:innen angeht?
Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich meine Coachingausbildung begann. Die ersten Wochen waren geprägt von einer Mischung aus Begeisterung und Unsicherheit. Besonders eine Frage ließ mich nicht los: Wie gehe ich eigentlich mit meinem eigenen Umfeld um? Freund:innen, Familie, Kolleg:innen – Menschen, die mich gut kennen, mit denen ich eine Geschichte teile. Darf ich sie coachen? Sollte ich es überhaupt? Und wenn ja, wie?
Vielleicht kennst Du das auch: Du hast gerade erst begonnen, die systemische Brille aufzusetzen, und plötzlich siehst Du in den Gesprächen mit Deinen Freund:innen mehr als früher. Du bemerkst Muster, Beziehungsdynamiken, Wiederholungen, die Dir vorher nicht so bewusst waren. Das kann bereichernd sein – aber auch belastend. Denn es verändert die Art, wie Du diese Beziehungen wahrnimmst und wie Du selbst darin agierst.
Warum ist das eigentlich so kompliziert mit dem Coaching im eigenen Umfeld?
Aus systemischer Sicht ist das gar nicht so überraschend. Jede Beziehung ist ein System für sich. Wenn Du mit jemandem aufwächst, Zeit verbringst, gemeinsame Erlebnisse hast, dann sind Eure Systeme eng miteinander verwoben. Eure Geschichten, Eure Rollen, Eure Erwartungen – all das überlappt sich. Das macht es schwierig, eine klare Grenze zu ziehen zwischen der Rolle als Coachin und der Rolle als Freundin, Schwester oder Partnerin.
Paul Watzlawick hat einmal gesagt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Jede Deiner Interventionen, jeder Satz, den Du sagst, wirkt. Wenn Du plötzlich anfängst, Fragen zu stellen, die sonst im Coaching-Kontext stehen, kann das auf der anderen Seite irritieren oder sogar ablehnend aufgenommen werden. Vielleicht wollen Deine Freund:innen gar keine Coachingsituation, sondern einfach nur Austausch auf Augenhöhe.
Ich habe selbst erlebt, wie eine Freundin mir sagte: „Ich will gerade nicht gecoacht werden, ich will einfach nur Deine Meinung.“ Für sie fühlte es sich an, als hätte ich mich verändert, als hätte ich mich entfernt. Dabei war es für mich ein bewusster Schritt, nicht mehr einfach nur meine Meinung rauszuhauen, sondern genauer hinzuhören, zu fragen, zu reflektieren. Aber das wurde nicht immer als hilfreich empfunden.
Wie erkenne ich, ob ich gerade als Coachin oder als Mensch agiere?
Diese Frage ist zentral und verlangt, dass Du Dir immer wieder selbst auf die Spur kommst. Beobachtung und Bewertung auseinanderzuhalten, ist dabei ein Schlüssel. Beobachten heißt, wahrnehmen, was ist, ohne sofort zu interpretieren oder zu bewerten. Doch in engen Beziehungen ist das oft schwer. Du hast eine Geschichte mit den Menschen, und das färbt Deine Wahrnehmung.
Wenn Du merkst, dass Du mehr als nur eine neutrale Beobachterin bist, dass Deine eigene Haltung, Deine Erwartungen oder Deine Gefühle stark mitschwingen, dann ist das ein Signal. Vielleicht bist Du gerade nicht als Coachin unterwegs, sondern als Freundin mit einem anderen Anliegen.
Heinz von Foerster hat betont, dass Beobachterinnen immer Teil des Systems sind, das sie beobachten. Das heißt: Du kannst nicht einfach aussteigen und nur coachen. Du bist immer auch Du selbst mit Deinen eigenen Mustern und Grenzen. Das zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt, um authentisch zu bleiben und nicht in die Falle zu tappen, ständig „coachend“ zu agieren, obwohl das gar nicht gewollt oder sinnvoll ist.
Wie kann ich mit der Spannung umgehen, wenn ich mehr sehe, aber nicht immer intervenieren will?
Das ist eine der inneren Spannungen, die viele, die mit Coaching anfangen, kennen: Du bekommst plötzlich einen Blick auf Dynamiken, auf Muster, auf Wechselwirkungen, die vorher unsichtbar waren. Das ist wertvoll – und gleichzeitig kann es frustrierend sein, wenn Du das Gefühl hast, helfen zu wollen, aber nicht darfst oder sollst.
Hier hilft es, die eigene Haltung zu reflektieren: Was ist mein Auftrag in diesem Moment? Bin ich eingeladen, etwas zu verändern, oder bin ich einfach nur Gesprächspartnerin? Wie viel Nähe und Distanz brauche ich, um wirksam zu sein? Und wie viel Nähe und Distanz braucht die andere Person?
Ich habe mir angewöhnt, ganz offen zu fragen: „Willst Du meine Meinung hören oder möchtest Du, dass ich Dir ein paar Fragen stelle?“ Das schafft Klarheit und gibt der anderen Person die Möglichkeit, den Rahmen zu setzen. Manchmal wollen sie einfach nur gehört werden, manchmal sind sie neugierig auf einen neuen Blickwinkel.
Was bedeutet es, Coaching ohne Auftrag zu vermeiden?
Eine wichtige Erkenntnis aus meiner Ausbildung war: Coaching funktioniert nur mit einem klaren Auftrag. Wenn Du einfach so Fragen stellst, ohne dass die andere Person das möchte, kann das schnell als Eingriff empfunden werden. Und das willst Du ja nicht.
Aus systemischer Sicht ist der Auftrag die Grundlage für jede Intervention. Ohne Auftrag bist Du eher in der Rolle der Freundin oder Vertrauten. Das bedeutet nicht, dass Du nicht aufmerksam sein darfst oder nicht Deine Wahrnehmung teilen kannst. Aber der Unterschied ist: Du bist nicht im „Modus Coaching“, sondern im Modus Beziehung.
Diese Unterscheidung zu halten, ist manchmal gar nicht so leicht. Gerade wenn Du selbst begeistert bist von dem, was Du lernst, und anderen helfen möchtest. Doch gerade dann ist es wichtig, innezuhalten und zu fragen: Was braucht die andere Person gerade wirklich?
Wie kann ich meine neue Kompetenz verantwortungsvoll in mein Umfeld einbringen?
Es ist verlockend, das neu erworbene Wissen sofort anzuwenden. Doch ich habe gelernt, dass es hilfreich ist, langsam und achtsam zu starten. Ein guter Tipp, der mir geholfen hat: Schreibe die Coaching-Fragen, die Du jemandem stellen möchtest, vorher auf und beantworte sie selbst. So prüfst Du, ob Du diese Fragen auch für Dich als sinnvoll empfindest.
Das ist eine Form der Selbstreflexion, die Dich schützt davor, unbedacht in Rollen zu springen, die nicht passen. Gleichzeitig kannst Du so Deine Haltung schärfen und Deine Kompetenz vertiefen.
Außerdem hilft es, Dir bewusst zu machen, dass Du mit Deinem neuen Blick auch mehr wahrnimmst – und das kann Fragen und Unsicherheiten aufwerfen. Das ist normal und gehört zum Lernprozess.
Welche Reflexionsfragen kannst Du Dir jetzt stellen?
- In welchen Beziehungen in meinem Umfeld sehe ich mich als Coachin, und in welchen eher als Freundin oder Vertraute?
- Wie spüre ich selbst, wenn ich in eine Coaching-Rolle wechsle? Was verändert sich in meinem Verhalten und in meinem Erleben?
- Welche Grenzen möchte ich setzen, um mich und mein Umfeld zu schützen?
- Wie kann ich offen kommunizieren, was ich gerade anbiete – Coaching oder einfach nur Zuhören?
- Welche Erwartungen habe ich an mich selbst und an mein Umfeld im Umgang mit meiner neuen Rolle?
Konkrete nächste Schritte
- Prüfe für Dich, in welchen Beziehungen Coaching sinnvoll und gewollt ist. Sprich darüber offen und frage nach dem Auftrag.
- Übe Dich darin, Beobachtungen von Bewertungen zu unterscheiden. Schreibe Dir Beobachtungen auf, ohne sofort Schlüsse zu ziehen.
- Bevor Du Coaching-Fragen stellst, probiere sie selbst zu beantworten. So entwickelst Du ein Gefühl für ihre Wirkung.
- Entwickle eine klare Haltung zu Deiner Rolle im jeweiligen Kontext. Wann bist Du Coachin, wann bist Du Freundin?
- Schaffe Dir Rituale oder Momente, um Deine Erfahrungen zu reflektieren. Das kann ein Tagebuch sein oder ein Austausch mit Kolleg:innen.
- Erlaube Dir, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Coaching ist ein Prozess, der sich entwickelt.
Du suchst systemische Begleitung für Deinen Start als Coach?
In einem 15-minütigen kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo Du gerade stehst, was für Dich im Moment sinnvoll ist und ob eine Zusammenarbeit für uns beide passt.
Herzliche Grüße,
Vera
Nächster Schritt
Ich bin Vera, systemische Lehrcoach iA und systemische Coach und helfe systemischen Coaches beim Businessaufbau in den ersten Monaten und darüber hinaus. Wenn Du Unterstützung für Deinen Start suchst, lade ich Dich herzlich zu einem kostenlosen 15-minütigen Erstgespräch ein. Gemeinsam klären wir, was für Dich jetzt sinnvoll ist.
Darf ich meine Freund:innen und Familie coachen?
Coaching im eigenen Umfeld ist möglich, aber komplex, da die Beziehungen eng verflochten sind. Es ist wichtig, klare Grenzen zu setzen und einen Auftrag zu haben.
Wie erkenne ich, ob ich als Coachin oder als Freundin agiere?
Indem Du Beobachtung und Bewertung unterscheidest und auf Deine eigene Haltung und Gefühle achtest. Wenn persönliche Erwartungen mitschwingen, bist Du eher als Freundin unterwegs.
Warum ist ein klarer Coachingauftrag wichtig?
Ohne Auftrag kann Coaching als Eingriff empfunden werden. Ein klarer Auftrag schafft Klarheit und ermöglicht wirksame Interventionen.
Wie gehe ich mit der inneren Spannung um, mehr zu sehen, aber nicht immer eingreifen zu wollen?
Reflektiere Deine Haltung und frage offen, ob die andere Person Deine Meinung hören oder Fragen gestellt bekommen möchte.
Wie kann ich meine Coaching-Kompetenz verantwortungsvoll im Umfeld einsetzen?
Starte langsam und achtsam, reflektiere Deine Fragen vorher selbst und achte auf die Bedürfnisse und Grenzen der anderen.
Welche Reflexionsfragen helfen beim Umgang mit der neuen Rolle?
Fragen zu Rollenwahrnehmung, Verhaltensänderungen, Grenzziehung, Kommunikation und Erwartungen an sich selbst und das Umfeld sind hilfreich.